F.A.Z.-Konferenz: „Echte Wende in Richtung nachhaltiger Finanzwirtschaft“

Tarek Al-Wazir auf der ersten F.A.Z.-Nachhaltigkeitskonferenz / Hoher Kapitalbedarf für Systemumbau
Der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir eröffnete als Schirmherr die erste F.A.Z.-Konferenz „Nachhaltigkeit & Kapitalanlage“. Der Weg in eine dekarbonisierte Wirtschaft und Klimarisiken als Herausforderung für Unternehmen und Investoren standen dabei im Mittelpunkt.
TEXT: Kai Praum

Nach Jahren der Überzeugungsarbeit scheint die Zeit einer nachhaltigeren Finanzindustrie tatsächlich gekommen zu sein. „Ich sehe derzeit eine echte Wende in Richtung nachhaltiger Finanzwirtschaft mit einem potentiellen Investitionsvolumen von mehreren hundert Milliarden oder gar Billionen Euro“, sagte der hessisches Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir bei der ersten „F.A.Z.-Konferenz Nachhaltigkeit und Kapitalanlage“ am 18. April 2018 in Frankfurt am Main.

 „Eine nachhaltige Ausrichtung des Finanzsystems ist unverzichtbar“, mahnte der Minister bei seiner Begrüßungsrede in der Kulturkirche Sankt Peter.  Green Finance müsse bald zum Standard werden.  Insbesondere bedürfe die Energiewende – „die zentrale Aufgabe unserer Generation“ – der Unterstützung durch die Finanzindustrie. Deutschland habe mit einem Erneuerbare-Energien-Anteil von mittlerweile  37 Prozent  im vergangenen Jahr zwar schon Vieles geleistet, fuhr Al-Wazir fort. Doch weltweit setzten sich Umweltzerstörung, Ausbeutung und politische Instabilität ungebremst fort.

Mit öffentlichen Mitteln allein sei der erforderliche Systemumbau nicht zu stemmen, betonte Al-Wazir. Um den Klimawandel zu bremsen,  müsse in großem Umfang privates Kapital mobilisiert werden. Der Minister sieht in der Finanzbranche deshalb den zentralen „Ermöglicher“ für den Umbau. Die grünen Investitionen müssten attraktive Renditen erwirtschaften, um ausreichend Kapital zu gewinnen, hob Al-Wazir hervor.

Damit rannte der Minister offene Türen bei den rund 130 unabhängigen Finanzberatern, Nachhaltigkeitsmanagern, Stiftungsverantwortlichen und Finanzdienstleistern ein, die aus ganz Deutschland zur F.A.Z.-Konferenz angereist waren. Sie engagieren sich bereits an unterschiedlichen Stellen der Gesellschaft für Nachhaltigkeit und eine grünere und sozialere Geldanlagen. Der Veranstalter der Konferenz, der F.A.Z.-Fachverlag FRANKFURT BUSINESS MEDIA mit den drei Fachzeitschriften „Der Neue Finanzberater“, „DIE STIFTUNG“ und „VERANTWORTUNG“, zeigte sich von dem hohen Beteiligungsniveau und den positiven Rückmeldungen von Teilnehmern und Sponsoren erfreut. Nach dem gelungenen Auftakt kündigte Geschäftsführer Hannes Ludwig einen Ausbau des neuen Konferenzformats an.

Mehr Schlagkraft für Sustainable Finance

Bei der Vorabendveranstaltung zur F.A.Z.-Konferenz im Auktionshaus Arnold hob Prof.Joachim Wuermeling, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, die wachsende Bedeutung von Nachhaltigkeit auf den Finanzmärkten hervor. Zwar gehöre nachhaltiges Investieren nicht zum Mandat der Bundesbank, aber um die Stabilität der Finanzmärkte zu sichern, beobachte man zunehmend auch Klima- und Nachhaltigkeitsaspekte. Dabei tausche sich die Bundesbank in einem Netzwerk internationaler Zentralbanken aus, sagte Wuermeling.

Um die Dynamik nachhaltiger Finanzwirtschaft zu erhöhen, hatten sich bereits eine Woche vor der Konferenz das Green Finance Cluster Frankfurt des Hessischen Wirtschaftsministeriums und die „Accelerating Sustainable Finance“-Initiative der Deutschen Börse zum neuen „Sustainable Finance Cluster“ zusammengeschlossen. Damit wollen die Initiatoren eine geeinte Position zur nachhaltigen Entwicklung der Finanzindustrie entwickeln, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens und die Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen zu realisieren.

Hoher Investitionsbedarf

Prof. Manfred Fischedick vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie zeigte auf der F.A.Z.-Konferenz anhand der Treibhausemissionen der vergangenen Jahre auf,  dass Deutschland mit seinen Klimazielen  für 2020 deutlich in Verzug sei. Insbesondere im Verkehr und bei der Wärme bzw. beim Wohnen seien bislang kaum Emissionen reduziert worden. Um eine tatsächliche Wende zu erreichen, müssten sich die Mobilitätsgewohnheiten in Deutschland drastisch ändern. In energieintensiven Branchen seien ganz neue Produktionstechniken erforderlich. Dabei erwartet Fischedick durch anstehende Divestments tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen, die  die Politik auffangen müsse.

Wie Unternehmen dabei ihrer Verantwortung gerecht werden können, zeigte Sabine Nallinger auf. Die Vorständin der Stiftung 2° wies auf erste Erfolge des Projekts „Wege in die <2°-Wirtschaft“ hin, bei der über 50 Unternehmen branchenübergreifend an gemeinsamen Lösungen in den Bereichen Verkehr, Gebäude und industrielle Produktion arbeiten. „Auch Stiftungen selbst sind nicht untätig in Sachen Klimaschutz und wir setzen dabei auf Kooperationen“, sagt Nallinger, deren Stiftung Teil der  Stiftungsplattform F20 ist. Mehr als 30 Stiftungen aus acht Ländern hatten sich anlässlich des G20-Gipfels im vergangenen Jahr zu einer Allianz für mehr Klimaschutz und eine globale Energiewende zusammengeschlossen. Ziel der Stiftungsplattform F20 (F für englisch „Foundation“) ist, die Umsetzung der Agenda 2030, Klimaschutzprojekte und den Ausbau von erneuerbaren Energien voranzubringen. Dabei will sie insbesondere die starke Rolle von zivilgesellschaftlichen Organisationen betonen.

Martin Risse, Vorstandsmitglied der Barmenia Versicherung, sieht nachhaltiges Investieren derzeit als zentrales Thema in der Versicherungsbranche – unabhängig vom aktuellen Aktionsplan der EU-Kommission. Die Barmenia berücksichtige seit vielen Jahren Nachhaltigkeitskriterien bei ihren Investitionen, betonte Risse. Und auch bei Union Investment spielen nachhaltige Geldanlagen zunehmen eine Rolle. So seien Investition in nachhaltige Fonds und Mandate seit 2014 von acht Milliarden auf 34 Milliarden Euro gewachsen, berichtete Janne Werning, Analyst Nachhaltigkeit und Engagement bei Union Investment.

Organisationen wie die Software-AG-Stiftung zielen zunehmend darauf ab, nicht nur mit ihren laufenden Projekten, sondern auch mit der Anlage ihres Stiftungskapitals Wirkungen in Richtung Stiftungszweck zu erzielen. Das sei manchmal sogar effizienter als die Stiftungsarbeit selbst, so Markus Ziener, geschäftsführender Vorstand der Software-AG-Stiftung. Die Stiftung investiert nicht in Finanzprodukte, sondern ausschließlich in direkte Beteiligungen in Unternehmen und Immobilien. Dabei spielten Nachhaltigkeitsaspekte eine wachsende Rolle.

Bewertung nachhaltiger Investments

Um der nachhaltigen Finanzberatung eine stärkere Stimme zu verleihen, haben sich 46 unabhängige Finanzberater mit Schwerpunkt nachhaltige Geldanlage zum Verein Ökofinanz-21 zusammengeschlossen. Bei der F.A.Z-Nachhaltigkeitskonferenz boten drei Mitglieder des Vereins, Marcel Malmendier, Ralph Petit und Ingo Scheulen, einen Workshop für die Kongressteilnehmern an, um gemeinsamen Ideen für die Bewertung nachhaltiger Investments zu erarbeiten.

Auf die konkrete Wirkung nachhaltiger Investments zielt auch Max Deml, Chefredakteur des „Öko-Invest“-Börsenbriefs und Betreiber des Naturaktienindex nx-25 (früher: NAX bzw. NAI) in seinem Statement ab. Er rät Finanzberatern, ihren Kunden auch Anlagemöglichkeiten außerhalb der Börse vorzuschlagen. Durch direkte Beteiligungen beispielsweise an Windparks oder Photovoltaikanlagen könnten private Investoren mehr bewirken als durch den Kauf von Fonds und Aktien. Denn die Aktie wechsle bei einem Kauf lediglich den Besitzer, ohne dass neue Mittel für nachhaltige Projekte zur Verfügung stünden.

Wie die Akteure des Kapitalmarkts versuchen, Klimarisiken einzuschätzen und somit eine Finanzierung nachhaltiger Geschäftsmodelle zu begünstigen, zeigten Lothar Rieth, Konzernexperte Nachhaltigkeit der EnBW, Hendrik Fink, Leiter des Sustainability Services bei PWC und Christian Schütz, Kreditanalyst von Pimco in einem gemeinsamen Workshop zur TCFD. Die Task Force on Climate-related Financial Disclosures, die 2015 im Auftrag der G 20 vom Finanzstabilitätsrat (FSB) lanciert wurde und im Sommer vergangenen Jahres ihre Vorschläge zur Erfassung klimabezogener Finanzrisiken vorgelegte, hat das Ziel, Unternehmen aller Sektoren dazu zu bringen, ihren eigenen CO2-Fußabdruck zu berechnen. Datennutzer (Schütz, Pimco) und Datenaufbereiter (Rieth, EnBW) gingen dabei die Herausforderung der Datenerfassung und -bewertung ein. Nichtsdestotrotz sind beide Seiten überzeugt von den Empfehlungen der TCFD, die den Kernbereichen Governance, Strategie, Risikomanagement sowie Maßzahlen und Zielen eines Unternehmens zugeordnet sind. Hendrik Fink zeigte exemplarisch anhand einer anonymisierten Szenarioanalyse, wie Großunternehmen prüfen, welche Auswirkungen eine Zwei-Grad-Erderwärmung haben. Das Ergebnis: Allein bei diesem Szenario sind die Produktionsbedingungen bereits signifikant beeinflusst. Die Prognosen für ein Vier-Grad-Szenario liegen vor, sind jedoch nicht für die Veröffentlichung vorgesehen.