Mehr Transparenz und Nachhaltigkeit dank Blockchain?

Blockchain und ihre Potentiale im Nachhaltigkeitskontext
Bei Unternehmen aller Branchen gehört es mittlerweile zum guten Ton, mindestens ein Pilotprojekt mit der Blockchain-Technologie gestartet zu haben. Auch im Bereich Nachhaltigkeit wird ihr viel Potential nachgesagt. Ein Annäherungsversuch.
TEXT: Kai Praum

Bei der Blockchain handelt es sich um eine dezentrale Datenkette, deren Inhalte auf einer Vielzahl von Servern gespeichert sind. Das Prinzip Distributed-Ledger-Technologie (zu Deutsch etwa „verteiltes Kontenbuch“) steht für vernetzte Computer, die zu einer Übereinkunft, einem Konsens, über die Reihenfolge von bestimmten Transaktionen kommen und darüber, dass diese Transaktionen Daten aktualisieren. Man kann sich diese Ketten also wie dezentral geführte Konto- oder Grundbücher vorstellen. Alle Teilnehmer einer Blockchain verfügen so in Echtzeit über denselben Informationsstand. Aktualisierungen erfolgen automatisch nach Regeln, auf die sich alle Beteiligte im Vorfeld verständigen. Rückwirkend können Daten nicht geändert werden. Das soll sie vor Manipulationsversuchen schützen. Auf dieser Basis funktionieren sogenannte Kryptowährungen.

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Hoher Energieverbrauch beim Mining

Diese dezentralen Transaktionen haben in Sachen Nachhaltigkeit ein großes Manko. Denn sie benötigen enorme Rechenleistung und verursachen damit einen hohen Energieverbrauch. Viele der sogenannten „Mining-Farmen“, in denen die Blöcke der Kryptowährungen digital „geschürft“ werden, befinden sich auf Island oder in China. Hier ist der Strom günstig, doch nur auf der Vulkaninsel im Nordatlantik auch emissionsarm dank Erdwärme. In China hingegen wird der Großteil des Stroms noch in Kohlekraftwerken produziert. Entwickler von Kryptowährungen haben mittlerweile reagiert und arbeiten an Lösungen, die den Energieverbrauch verringern sollen.

Bitcoin, die bekannteste der Kryptowährungen, wurde vor mittlerweile zehn Jahren in der Hochphase der Finanzkrise von einem Anonymus mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto erfunden. Dabei stand der Gedanke im Vordergrund, dass nicht mehr Institutionen wie der Staat oder die Banken das Geld kontrollieren, sondern gleichberechtigte Bürger an ihren Computern. Waren die Kryptowährungen also angetreten, um die Banken obsolet zu machen, findet die dahinterliegende Blockchain-Technologie allerdings nun vor allem im Finanzsektor immer mehr Anhänger und Anwendungsgebiete. Dafür bauen die Banken jedoch ihre eigenen Systeme nach dem Prinzip der Distributed-Ledger-Technologie auf.

Finanzwelt treibt Technologie voran

Gerade im Bereich der Unternehmens- und Handelsfinanzierung ist mittlerweile eine Vielzahl an Pilotprojekten angelaufen, und zum Teil wurde die Technologie bereits erfolgreich eingesetzt. So hat der Autobauer Daimler im vergangenen Sommer einen Schuldschein via Blockchain platziert. Drei nennenswerte Blockchain-Plattformen haben sich in den vergangenen beiden Jahren in diesem Bereich etabliert, die jüngste nennt sich „Marco Polo“, bei der eine Gruppe von Banken zusammen mit dem Technologiespezialisten TradeIX und dem Fintech R3 eine Handelsfinanzierungslösung auf Basis der Blockchain testet. Entscheidend bei diesen gemeinsam aufgebauten Plattformen sind die Schnittstellen zu den jeweils hauseigenen Systemen der Beteiligten. Eine transparente Kette bis in die Datenherzen der Unternehmen, wie es die Vision der Blockchain-Community vorsieht, können sich im Unternehmenskontext aktuell noch wenige Experten vorstellen. Zum Bankenkonsortium von „Marco Polo“ gehört die Commerzbank, die zudem mit dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) zu weiteren Anwendungsmöglichkeiten entlang der Lieferkette forscht. „Ich bin davon überzeugt, dass Technologien wie Blockchain und Smart Contract zentrale ‚Enabler‘ für die Verknüpfung physischer und finanzieller Lieferketten sind“, sagt Professor Michael Henke, Institutsleiter des Fraunhofer-IML, in der Ankündigung des Forschungsprojekts.

Hier könnte der Schlüssel für die Nachhaltigkeitsverantwortlichen in der Realwirtschaft liegen. Mit dem Finanzsektor als Treiber der Technologie und dem Bestreben, die finanzielle und physische Lieferkette zu verknüpfen, eröffnet sich die Möglichkeit, mehr Transparenz entlang der Lieferkette abzubilden. Entscheidend ist an der Stelle, bereits von Anfang an für die Integration von Nachhaltigkeitskriterien in die Datenketten zu sorgen. Denn die intelligenten digitalen Verträge oder auch „Token“ sind letztlich Platzhalter für Datenpakete. Dort kann beispielsweise eine Tonne CO2 als Wert ebenso abgespeichert werden wie Angaben zu Herstellungsort oder -prozess. „Provenance ist ein amerikanisches Start-up, das bereits einen Proof-of-Concept für eine transparente Lieferkettenlösung mit der Blockchain-Technologie hat. Daran sind auch deutsche DAX-Konzerne wie Merck interessiert, denn hier lernen die Großen aktuell von den Kleinen“, sagt Eric Holst, Experte vom Blockchain-Institut, für den eine weitere Einsatzmöglichkeit für die internationale Klimapolitik denkbar ist: „Die Blockchain kann zudem in Zukunft eine barrierefreie Teilnahme am Emissionshandel ermöglichen, der so nicht mehr nur unter Großunternehmen stattfindet.“

Vernetzte Produktion, verantwortungsvolle Aufgabe

In der Produktion macht vor allem eine Kryptowährung und ihre dahinterliegende Lösung von sich reden: IOTA, ein Akronym aus „Internet of Things“ und „Tangle“, abgeleitet von dem kleinsten Buchstaben im griechischen Alphabet, Iota. Die IOTA-Gründer rund um den Deutschen Dominik Schiener sind angetreten, die Technologie weiterzuentwickeln und der Blockchain das Tangle-Netz entgegenzusetzen. IOTA möchte so zu einer energie- und ressourceneffizienten Skalierbarkeit, schnellen Transaktionen und geringen Gebühren im Internet der Dinge beitragen. In der deutschen Industrie hat sich in den vergangenen Jahren vor allem der Begriff Industrie 4.0 etabliert, in dessen Konzept die Vernetzung von Maschinen, Geräten und Sensoren, wie es das Internet der Dinge vorsieht, eines der vier Prinzipien ist. Schon jetzt kommt in verschiedenen Unternehmen IOTA in den Bereichen Mobilität, Energieversorgung und Datensicherung in der Praxis zum Einsatz. In Deutschland sind Bosch und Volkswagen (VW) unter den Unterstützern von IOTA. Johann Jungwirth, Chief Digital Officer von VW, ist seit Jahresbeginn Vorstandsmitglied der in Deutschland gegründeten IOTA-Stiftung. International hat das Start-up Microsoft von seinem Konzept überzeugt, was der Technologie zu diesem Zeitpunkt gesteigerte Aufmerksamkeit und Kurse bescherte. Auch hier wird es die Aufgabe des Nachhaltigkeitsmanagements in produzierenden Unternehmen sein, die Potentiale der neuen Technologie richtig einzuschätzen, um sich einerseits für energieeffizientere Produktionen einzusetzen, aber andererseits auch die richtigen Fragen über die Zukunft der Arbeit in einer immer stärker vernetzten Welt zu stellen.