Die Kernaufgaben stehen nicht in Frage

CSR- und Nachhaltigkeitsmanager müssen Zurückhaltung gegenüber der Digitalisierung ablegen
TEXT: Kai Praum

In den vergangenen Jahren haben sich Großunternehmen vermehrt darum bemüht, gegen disruptive Entwicklungen an den Rändern ihrer Branchen zu bestehen oder sie in ihre Geschäftsmodelle zu integrieren. Nun vermeldet die Unternehmensberatung PwC in einer aktuellen Analyse, dass mittlerweile auch neunzig Prozent der Unternehmen im Mittelstand Digitalisierung als den Trend Nummer eins für 2017 identifiziert haben.

Diese Entwicklung macht vor dem CSR- und Nachhaltigkeitsmanagement nicht halt. Das bestätigt auch der aktuelle „Trendmonitor“ der Nachhaltigkeitsberatung Akzente. War Digitalisierung dort vor zwei Jahren noch jenseits der Top 10 eingereiht, lag das Thema im vergangenen Jahr in beiden halbjährlichen Erhebungsrunden auf dem Spitzenplatz – vor Umwelt- oder Klimaschutz, Lieferkette oder dem langjährigen Topthema Energie. Die Autoren bemerken zudem, dass sich das Thema Digitalisierung dabei weiter ausdifferenziert: War bisher pauschal vom digitalen Wandel die Rede, rücken nun Cyberrisiken, der Einfluss sozialer Medien auf die öffentliche Meinung und Jobverluste durch Automatisierung in den Mittelpunkt. Der jüngste Greenpeace-Report macht zudem darauf aufmerksam, dass eine Verlagerung des Geschäfts ins digitale Umfeld einen erhöhten Energieverbrauch in Rechenzentren verursacht. Die Umweltschutzorganisation bewertet in ihrem Report die Energienutzung von Internetfirmen und kommt zu dem Ergebnis, dass Vorreiter Apple 83 Prozent seiner Energie aus erneuerbaren Energien bezieht und sich Amazon unter den Schlusslichtern mit einem Anteil von lediglich 17 Prozent Erneuerbaren im Energiemix befindet.

Ich bin überrascht über die Zurückhaltung der Nachhaltigkeitsmanager gegenüber der Digitalisierung.

Diese, zum Teil nicht intendierten, sozialen und ökologischen Effekte trüben aktuell so manche Zukunftsprognose. Dem gegenüber steht die optimistische Vorstellung, dass die digitale Transformation den Wandel in eine sozial-ökologische Gesellschaft einläutet, in der Wachstum und Ressourcenverbrauch voneinander entkoppelt sind und die Gesellschaft Antworten auf die sozialen und ökologischen Fragen findet.

Auf diese Szenarien reagieren Nachhaltigkeitsmanager in Unternehmen unterschiedlich. Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass diejenigen, die die Digitalisierung als Chance sehen, Nachhaltigkeit ins Unternehmen zu bringen, aktuell noch in der Unterzahl sind. „Ich bin überrascht über die Zurückhaltung der Nachhaltigkeitsmanager. Es herrscht zwar keine Angst, aber doch eine gewisse Unsicherheit gegenüber neuen Technologien und einer vermeintlich schwer verständlichen Welt der Algorithmen“, sagt Thomas Melde, Geschäftsführer bei Akzente. Sicherlich sind weder purer Optimismus noch völlige Apathie der richtige Weg für Nachhaltigkeitsmanager, um die digitale Transformation ihrer Unternehmen voranzutreiben. Um mit den eigenen Handlungsoptionen nicht ins Hintertreffen zu geraten, sollte den CSR- und Nachhaltigkeitsmanagern allerdings daran gelegen sein, die positiven und negativen Effekte der Digitalisierung auf die Nachhaltigkeit benennen zu können. Im zweiten Schritt sind dann Antworten und Lösungen gefragt.

Am „Institute for Advanced Sustainability Studies“ (IASS) in Potsdam geht Grischa Beier seit Jahresbeginn mit seinem Forschungsteam der Frage nach, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf Nachhaltigkeit hat. „Es gibt zwar Szenarien von einer effizienten Industrie 4.0, und auch Ökobilanzen einzelner Verfahren wurden berechnet. Wirklich belastbar sind deren Ergebnisse aber noch nicht“, sagt Beier und bemängelt, dass viel über Effizienzsteigerung gesprochen wird, es aber wenig Konkretes darüber gibt, wie diese bewerkstelligt werden soll. „Die Frage ist also, wie realistisch die einzelnen Ansätze sind. Genau deswegen versuchen wir Forschung und Praxis zusammenzuführen“, sagt Beier. Welche Rolle das Nachhaltigkeitsmanagement bei dieser Frage spielt, ist für den Forscher aktuell noch schwierig zu beantworten. Die CSR- und Nachhaltigkeitsmanager selbst sind für die Forscher sowohl Multiplikatoren als auch kritische Überprüfungsinstanz der Arbeit.

Für Thomas Melde bleiben die Aufgaben der CSR- und Nachhaltigkeitsmanager – trotz oder wegen der Digitalisierung – im Kern bestehen. Im Wesentlichen hat der Akzente-Geschäftsführer für den Nachhaltigkeitsmanager drei Rollen identifiziert, die sich jeweils leicht verändern, die aber nicht grundsätzlich in Frage stehen.

Zunächst ist der Nachhaltigkeitsmanager in der gesamten Wertschöpfung des Kerngeschäfts der „Change Agent“, „Challenger“ und „Innovator“, der die Prozesse und Produkte auf Nachhaltigkeit und Verantwortung hin durchleuchtet und Impulse gibt. „Wenn der Produktionsleiter nun also den Einstieg in Industrie 4.0 verkündet, bleibt es die Aufgabe des Nachhaltigkeitsmanagers, sich die Produktionsabläufe erklären zu lassen und die positiven und negativen Effekte für die Nachhaltigkeit zu identifizieren“, erklärt Melde. Bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und Produkte ist das Nachhaltigkeitsmanagement ebenfalls gefragt. Für CSR-Verantwortliche bietet sich hier nicht erst durch die Digitalisierung die Möglichkeit, sich am Anfang der Entwicklungsprozesse einzubringen. 

„Die Nachhaltigkeitsmanager müssen in die digitalen Hubs gehen und von Anfang an die Nachhaltigkeitsaspekte in die digitalen Innovationen einfließen lassen“, sagt Melde. Ziel sollte es dabei laut dem Nachhaltigkeitsberater nicht sein, Produkte zu verhindern, weil einzelne Aspekte nicht den Nachhaltigkeitsanforderungen genügen. Wichtiger ist es, die positiven wie negativen Konsequenzen und Effekte digitaler Entwicklungen aufzuzeigen, um so an der richtigen Stelle Impulse für nachhaltige Lösungen mit anzustoßen. Des Weiteren gehören das klassische Reporting und die Kommunikation mit den verschiedenen Anspruchsgruppen zum Profil des CSR- und Nachhaltigkeitsmanagements. Hier erwartet Melde eine radikale Transparenz nach innen und nach außen. Er skizziert zwei Szenarien: In energieintensiven Unternehmen werden Klimadaten in Echtzeit ermittelt und gesteuert, und am „Point of Sale“ bekommt der Verbraucher immer mehr Macht beispielsweise über Barcodescanner, die je nach Bedarf mit vereinfachten Ampelsystemen arbeiten oder detaillierte Auskunft über die Herkunft und Produktion von Waren geben. „Nach außen ist es dabei die Aufgabe des Nachhaltigkeitsmanagements, die Deutungshoheit über die Nachhaltigkeitsbewertungen zu behalten, nach innen bietet der weiter erhöhte Druck der Stakeholder die Möglichkeit, nachhaltige Produkte und Prozesse im Unternehmen durchzusetzen“, sagt Melde. Als dritte Rolle kommt dem CSR- und Nachhaltigkeitsmanagement die Aufgabe zu, die Schnittstelle zur Gesellschaft zu sein. Zum einen durch ein fundiertes Issues-Management, das Themen aufspürt und Antworten entwickelt. „Wenn durch effizientere Produktionsbedingungen Arbeitsplätze mit standardisierten Arbeitsabläufen wegfallen, brauchen Unternehmen Antworten für die dahinterliegenden sozialen Fragen“, erklärt Melde und sieht Unternehmen so gewappnet, die eigene Reputation zu stärken. Zudem bieten sich neue Möglichkeiten, das gesellschaftliche Engagement strategischer auszurichten und sozial-digitale Innovationen zu fördern. „Langfristige Partnerschaften mit und die Förderung von Sozialunternehmen erleben aktuell bereits einen Aufschwung“, sagt Melde.

Die Wertschöpfungskette des Kerngeschäfts, die Berichterstattung und Kommunikation mit Anspruchsgruppen und die Schnittstellen zur Gesellschaft sind und bleiben also in der Digitalisierung das Raster für Nachhaltigkeitsmanager. „Auch wenn sich in manchen Entwicklungen die Geschwindigkeit und Intensität erhöht hat, stellt die Digitalisierung nicht alles auf den Kopf. Es lohnt sich, wenn die CSR- und Nachhaltigkeitsmanager die eigene Verzagtheit aufgeben, denn es ist nicht komplizierter als zuvor“, sagt Melde.